Sein oder Nichtsein

2018, Gouache + Bleistift auf Leinwand

Ein Gespräch über den Entstehungsprozess des Bildes Sein oder Nichtsein, direkt nach Beendigung der Arbeit, während der kaum gesprochen wurde.

Uta: Nach unserem spontanen, ziellosen und wässrigen Farbauftrag auf der Leinwand haben wir irgendwo in der Mitte beide mit Bleistift angefangen. Du hast die Fäden verknüpft, danach ging es kreuz und quer und es wurde immer verknäulter.

Wimmer: Stimmt, das Bild ist voller Fäden und wir können nicht mehr erkennen, wo wir begonnen haben.Ich zog die Striche dynamisch übereinander und dieser Prozess ist jetzt als Konflikt in der Mitte zu sehen.

Uta: Man kann den Anfangsstrich nicht mehr sehen!

Wimmer: Es war ein schöner Moment mit dem Bleistift zu arbeiten, die Striche mit der Farbe zu verknüpfen. Es hat sehr viel Spaß gemacht in der Bildmitte zu arbeiten, mit den ganzen Ideen, die sich dort verdichten.

Uta: Wie schön es jetzt aquarellig auftrocknet und die durch den Rakel entstandenen Schlieren ebenso. Es sieht dadurch fast aus wie ein Polarlicht. Und mit dem Fächerpinsel konnte ich farbig dort unten im Türkis eine ähnliche Struktur erarbeiten, die der des Bleistiftes gleicht.

Wimmer: Die Farbigkeit auf dem Bild ist sehr reizvoll. Es sind nur wenige Farben, dafür wirken sie aber ganz intensiv. Dazu kommt noch der Spachtel, der die schwarzen Streifen gezogen hat.

(Gedankenpause)

Ich habe während der Arbeit keine menschlichen Figuren gesehen - die ganze Zeit nicht.

Uta: Und dann kam dieser Moment! Was ist denn eigentlich passiert?

Wimmer: Die Farbe in der Mitte war so flüssig, dass sie - wenn ich sie mit dem Spachtel zur Seite geschoben habe - immer wieder in die Mitte zurücklief. Da kam mir der Impuls, die Leinwand an der einen Seite hochzuhalten, damit die Farbe abläuft.

Uta: Du konntest beim Hochheben nur die Rückseite des Bildes sehen. Ich habe davor gestanden und konnte genau sehen, was passiert:

In dem Moment, in dem die Farbe nach unten lief, war es, als wenn ein Vorhang heruntergelassen wird. Plötzlich kamen die vielen Figuren zum Vorschein. Ich war fassungslos! Ich habe zu dir nur gesagt: „Komm rüber, schau dir das an!“ Es war so, als wenn der Vorhang fällt!

Wimmer: Wie auf einer Theaterbühne?

Uta: Ja, genau so war das! Peng! Ich sah sofort die beiden Figuren, die sich Aug in Aug gegenüberstehen; wie Soldaten in Uniform - und hier auch, die sind ja überall, da und da und da! Beim ersten Hingucken war es so, als sei dort eine Gruppe von Menschen. Doch beim genauen Hinsehen kann man zwei verschiedene Parteien erkennen.

Wimmer: Das Bild hat uns die Dynamik, die wir beim Arbeiten hatten, erst am Schluss offenbart. Es war ja auch wie eine Schlacht um Farben und Striche; um unser beider Positionen. Das Arbeiten hat mir viel Spaß gemacht, ich war in einer Art Rauschzustand, z.B. die Wasserfläche in der Mitte, die ich immer wieder mit dem Spachtel durchzog und danach alles wieder zusammenschwappte! Wie Moses, der das Meer teilte! Die Freude an der Bewegung hat die Strukturen immer wieder erzeugt. D. h.: Es entsteht trotzdem etwas auf der Leinwand, wenn man wieder und wieder darüber streift, auch ohne etwas dabei zu erkennen.

Uta: Ich hatte kein Gefühl von Kampf oder Aggression! Die Farbe hat nicht mit dem Bleistift gekämpft!

Wimmer: Das ist es ja gerade! Der Inhalt des Bildes ist das krasse Gegenteil von meinen Gefühlen während des Arbeitens. Ich war sehr freudig bei der Arbeit, fühlte mich kreativ, als wenn ich jeden Moment etwas Neues erfinde.

Uta: Wir sind gestartet mit einer wahnsinnigen Dynamik. Das Zeichnerische und das Malerische bilden an sich schon einen großen Kontrast. Dadurch kommt eine unheimliche Spannung im positiven Sinne ins Bild.

Nun kommt es sehr darauf an, wie es auftrocknet. Und schau mal, hier sieht es aus wie getrocknetes Blut!

(Gedankenpause)

Man findet keinen Anfangsfaden auf dem Bild! Wir haben beide in der Mitte des Bildes begonnen... Dort war die große Dynamik... mit dem Spachtel aus der Mitte Streifen zu ziehen...

Wo hat der Konflikt begonnen, der auf dem Bild zu sehen ist? Oder sehen wir sogar eine Fehde?

Wimmer: Konflikt finde ich zu harmlos!

Uta: ...Gab es einen harmlosen Streit oder eine Rivalität? Und diese führte zu einer solchen Dimension: Zwei Königreiche bekriegen sich!?

Wimmer: Der Streit zwischen Elisabeth und Maria Stuart war doch z.B. ein Machtkonflikt dieser Größenordnung, der ganze Königreiche zerriss. Es ist häufig so! In dem Moment, in dem der König stirbt, stehen meist schon mehrere bereit, die ihn beerben wollen. Nur einer kann das Königreich übernehmen! Wenn der andere nicht klein beigibt, beginnt der Streit: Er schart ein Heer um sich und meistens gibt es erst einmal Krieg.

...Da wird das gesamte Volk mit hineingezogen. Dabei haben die Menschen gar nichts damit zu tun! Und auf beiden Seiten steht das gleiche Volk!

Uta: Ich habe aber ein anderes Gefühl dazu: Aus einem lächerlichen Streit oder nichtigen Anlass, bei dem sich die Menschen nicht versöhnen oder ihn nicht zu mindestens schlichten konnten, hat sich der Konflikt zu so einer großen Dimension aufgebauscht.

Mir scheint, dass es sich hier nicht nur um einen Machtkampf, um eine Nachfolge handelt, sondern der Auslöser war etwas ganz Banales.

...Das hat sich dann so weiterentwickelt und weiterentwickelt; wer weiß, wie viele Generationen damit zu tun hatten?

Wenn du dieses ganze Knäuel auf dem Bild anschaust, wo keiner mehr weiß, welches die Ausgangssituation gewesen ist, wo sich Streitigkeiten zwischen zwei Völkern über Jahrhunderte fortsetzen - und es setzt sich fort und fort.

...Jetzt stehen sie sich Aug in Aug mit ihren ganzen Heeren gegenüber. Eigentlich wirkt es wie eine Pattsituation; ich habe nicht das Gefühl, dass eine Seite stärker ist.

Wimmer: Das ist genau der Moment vor der Schlacht!

Uta: Genau, es spitzt sich zu, die beiden Hauptfiguren stehen sich gegenüber und haben ihre Heerscharen hinter sich versammelt. Die linke Bildseite unterstützt dieses mit ihrer Helligkeit; es war mir wichtig, dieses durch ein Auswaschen der Farbigkeit zu erreichen. Dadurch verstärkt sich der Eindruck, dass sich zwei Parteien zum Duell treffen:

Die Stunde null! Jetzt entscheidet es sich! Es ist die Stille davor!

Wimmer: Duell trifft es für mich am ehesten; denn letztendlich bleibt es ein Aufeinandertreffen von zwei Einzelpersonen in einem großen Machtkampf. Das klassische Drama bei Shakespeare.

Uta: Die Dimension, die uns das Bild zeigt, ist der Moment des Stillstands: ‚Kommt jetzt vielleicht die Fanfare als Aufforderung zum Kampf oder reichen sich die beiden die Hand und entscheiden: Wir hören auf damit!’

Wimmer Das wäre die positive Möglichkeit, aber das Bild gibt es nicht her.

Uta: Aber so wäre es doch klasse! Wenn sie erkennen würden: ‚Meine Güte, bis hier hin sind wir gekommen!’

Wimmer: Wenn man das Bild genau betrachtet, erkennt man: Kampf ist keine Lösung. Es kann keinen Sieger geben. Die eigene Erkenntnis - wie weit sind wir gekommen - ist die einzige Möglichkeit, da wieder herauszukommen. Einer von ihnen müsste die Hand reichen. Die Situation zeigt ein sich wiederholendes Grundmuster: Keiner will das Gesicht verlieren. Daraus folgt die Angst vor Machtverlust: Wenn du die Hand reichst, dann…

Uta: Es wäre keine Schwäche, sondern Stärke. Das hieße, sie waren unversöhnlich und wer macht jetzt den ersten Schritt zur Versöhnung? Mein Gefühl aus unserem Malprozess heraus und zu dem, was wir jetzt auf dem Bild sehen, ist, dass es schon viel Krieg und Zerstörung - vielleicht über Generationen – gegeben hat. Dieses Aufeinandertreffen scheint schon zigmal passiert zu sein und jetzt stehen sie sich noch einmal gegenüber!

Wimmer: Wenn niemand bereit ist, wird man sich immer wieder gegenüberstehen.

Uta: Es ist doch toll, dass der Betrachter des Bildes den Ausgang dieser Situation selber bestimmen kann: Es könnte sein, die beiden Heerführer gehen zum hundertsten Mal in die nächste Schlacht oder sie machen den Schritt in Richtung Frieden.

Dieser Moment liegt in der Luft, wenn ich das Bild betrachte.

20. Februar 2021 Uta Krellenberg und Wimmer Wilkenloh